Die Sathmarer Schwaben
Wechselvolles Schicksal deutscher Siedler im Nordwesten Rumäniens
Am Samisch und am Krasnastrand
bei Sathmar, Erdeed, Großkarol
grüß ich ein schönes Schwabenland
von Wäldern, Reben, Saaten voll.

Das in dieser Strophe gelobte Schwabenland ist das Siedlungsgebiet der Sathmarer Schwaben: das Sathmarland, im Nordwesten Rumäniens. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges gehörte es zu Österreich-Ungarn, kam 1920 durch den Friedensvertrag von Trianon zu Rumänien, gelangte 1940 durch den Wiener Schiedsspruch wieder an Ungarn und wurde nach dem 2. Weltkrieg erneut Rumänien angeschlossen. Seinen Namen erhielt es von der an der Samisch (Somes), einem Nebenfluss der Theiß, liegenden Kreisstadt Sathmar (rum. Satu Mare, ung.: Szatmar. Nemeti).
Zum Siedlungsgebiet der Sathmarer-Schwaben werden aber nicht nur die sich im heutigen Verwaltungskreis Sathmar befindenden schwäbischen Ortschaften gezählt, sondern auch weitere Orte mit deutscher Bevölkerung, welche in den Kreisen Bihor, Salasch und der Maramuresch liegen.
Die ersten Siedler auf dem heutigen Gebiete Rumäniens sind schon gegen Ende des 11. Jahrhunderts in das Sathmarer Land gerufen worden. In dem Privilegium, das Andreas der II. 1230 den deutschen "Gästen" von Sathmar "dilectis et fidelibus nostris hospitibus Teutonicis de Zathmar Nemethi" nach dem Vorbild des "Goldenen Freibriefes" der Sachsen ausstellte wird vermerkt, dass sie bereits zur Zeit der Königin Gisella -Anfang des 11. Jahrhunderts -hergerufen worden seien. In jener Zeit entstanden entlang des Samisch-flusses über Zillenmarkt (Zalau) bis Burglos (Dej) eine Reihe von anderen deutschen Siedlungen, deren Bewohner sich ähnlicher Rechte und Freiheiten wie die Sachsen erfreuten. Ebenso sind in den Bergwerksstädten Neustadt, auch Frauenbach (rum.: Baia Mare), und Mittelberg (Baia Sprie) deutsche Siedler bestätigt. 1391 werden deutsche Richter und Grafen von Frauenbach und Mittelberg sowie die Gesamtheit der Waldbürger und Königsfreien - civium regalium - namentlich genannt.
Deutsche Siedlungen dürfte es zu jener Zeit auch um Großwaldein (Oradea) gegeben haben wie aus Prozessunterlagen des Großwardeiner Kapitels aus dem Jahre 1215 zu erkennen ist.
In diesem Prozess lehnte der Angeklagte es ab, zu den Untertanen der Burg von Szolnok gezählt zu werden, da er "frei und deutscher Abstammung" ("se esse liberum et Teutoni cum genese") sei. Um Großwardein waren auch die Vorfahren Albrecht Dürers beheimatet. Aus der Familienchronik des bekannten Kupferstechers und Malers ist zu entnehmen, dass sein Vater aus einem

" Geschlecht geboren" "nit ferr von einem kleinen stättlein, genannt Jula (Gyula), acht meil wegs unter Wardein, auß ein Dörflein zu negst darbej gelegen, mit namen Eytas. .."

Die deutschen Einwohner dieser mittelalterlichen Siedlungen sind im Laufe der Zeit in der anderssprachigen Bevölkerung aufgegangen.
Die heute im Sathmarland, in den Kreisen Maramuresch, Bihor und Salasch lebenden Deutschstämmigen sind demnach nicht die Nachkommen dieser mittelalterlichen Siedler: ihre Vorfahren wurden erst im 18. Jahr- hundert in diese Gegenden gerufen.

Bereits einige Jahre vor dem ersten Banater Schwabenzug begann Alexander Karolyi seine Siedlungsaktion im Sathmarer Land: 1712 berief er auf seine, während der Türken- und Kurutzenkriege und durch Naturkatastrophen verwüsteten Güter die ersten Siedler aus Süddeutschland Schwaben aus Württemberg.

Dem Ruf seiner Werber folgten 330 Familien (etwa 1400 Personen), hieß es doch: "Das Ungarland ist reichste Land, dort wächst viel Wein und Treid ..."

Die neue Heimat aber empfing die ersten Siedler aus Württemberg recht stiefmütterlich, da die Siedlungsaktion schlecht vorbereitet war.
Auswanderungsgebiet
Dürre, schlechte Wohnungsverhältnisse, auftretende Geldknappheit, das Ausbleiben der zugesagten Hilfsmittel brachte viele zur Verzweiflung. Flucht und Tod lichteten immer mehr ihre Reihen. Nahezu tausend Personen verließen enttäuscht und verbittert das Sathmarland und zogen in ihre alte Heimat zurück oder flüchteten in andere Gebiete. Demnach bedeutete das erste Ansiedlungsunternehmen ein Fiasko. Von den 1400 Kolonisten blieben nur 450 Schwaben zurück und von diesen etwa 250 am Leben. Von Abgaben und Frondiensten befreit, konnten diese Siedler verhältnismäßig schnell gutgehende Bauernwirtschaften gründen. Bereits 1720 erklärten sich manche von ihnen bereit, für Karolyi im Schwabenland Neuauswanderer zu werben. Ab diesem Jahr verlief die Ansiedlung von Deutschen im Sathmarland durch die Grafen Alexander, Franz, Anton und Joseph Karolyi erfolgreich.
Auswanderungsgebiet
der Sathmarer Schwaben
Die größeren Siedlergruppen kamen 1726 mit 181 Familien, 1737 mit 106, 1760 mit 58 und 1774 mit 83 Familien. Nach 1810, als die letzte schwäbische Gemeinde Terem gegründet worden ist, ebbte die Kolonisation langsam ab.
Dazu kommen noch mundartliche Einflüsse von den fränkischen, bayrischen, badensischen, schweizerischen und Österreichischen Siedlern und verständlicherweise solche aus der ungarischen und rumänischen Sprache. Die Sathmarer Deutschen gehören demnach fast alle zu der Gruppe der Donauschwaben, die schwäbischer Abstammung ist. Sie bilden den Kern der "Sprachschwaben" unter den Donauschwaben, weil sie nicht wie viele Abstammungs-schwaben rheinfränkische Mundarten angenommen haben und tragen demnach mit der größten Berechtigung den Namen "Schwaben". Dem Beispiel A. Karolyis folgten auch andere Adelsfamilien: Schönborn, Banffy, Vay, Becsky und Wesselenyi, der Bischof von Großwardein, Graf Nikolaus Csaky u.a. So gründete Baron Wesselenyi zwischen 1744-1751 die österreichisch-alemannische Siedlung Kriegsdorf, in die er aus Baden-Durlach und aus der Schweiz Familien evangelischer Konfession rief. Die Vorfahren der Deutschen aus Batartsch waren hauptsächlich Zimmerleute und Waldarbeiter, die aus Budweis in Böhmen über Strij in Galizien einwanderten. Nach Glashütte kamen 1801 Glasbläser aus Österreich, und in Palota sowie in Kreischtarjan bei Großwardein wurden Schwaben und Pfälzer angesiedelt.
Eine Neukolonisation mit Siedlern aus Oberösterreich und Böhmen erfolgte erst wieder um 1910 in Großtarna und in Batartsch. Zwischen 1770-1780 warb der Ärar Bergarbeiter und Handwerker aus dem Salzkammergut, Oberösterreich und der Zips, für die Salzbergwerke im Teresvatal an. Zwischen 1778 und 1790 zog ein Teil dieser Siedler die us Bad Ischl, Gmunden, Ebensee und Zips stammten nach Oberwischau und Pfefferfeld, wo sie beim Ärar als Holzarbeiter in den Staatswäldern und als Zimmerleute angestellt worden waren. Ihre Nachkommen, heute als "Zipser" bekannt, leben vor allem in Oberwischau, aber auch in Altwerk, Teutschau, Sighet und Umgebung. Die siedlungsgeschichtliche Forschung ergibt jedoch, dass die Oberwischauer in Wirklichkeit nicht nur Zipser und Nachfahren österreichischer Siedler sind, sondern dass auch Kolonisten aus Bayern und dem Böhmer-wald hier ansässig wurden.
Heute noch werden in Oberwischau zwei verschiedene Dialekte gesprochen: seltener das "Zipserische" und überwiegend das sogenannte Wischaudeutsch ("taitsch"), eine oberdeutsche Mundart. Nach Neustadt (Frauenbach), Mittelstadt, Kapnik und in andere Bergwerksorte der Maramuresch kamen zwischen 1773-1812 hauptsächlich aus Österreich und Bayern Förster, Bergwerker und Fachleute für das Bergwerkswesen. Daraus ist ersichtlich, dass zwar der Hauptanteil der Sathmarer Schwaben aus dem württember-gischen Oberschwaben stammt, jedoch auch aus Franken, dem Rheingebiet, Baden-Durlach, Mainz, St. Gallen, Ober- und Niederösterreich, Böhmen, der Zips und der Schweiz Siedler in das Sathmarland kamen. Bei all diesen Ansiedlungen ist zu bemerken, dass nicht immer rein deutsche Dörfer gegründet wurden, sondern auch rumänische und ungarische Ortschaften mit Schwaben beziehungsweise Deutschen besiedelt worden waren.
Die Ansiedlungen, die bei der Werbung oder der Ankunft der Siedler in Verträgen festgelegt wurden, waren in ihren Grundzügen ähnlich.

Die gräflichen Grundbesitzer versprachen genügend Ackerboden, Wiesen und Wald unentgeltlich zur Nutzung zu überlassen, Zugvieh, Getreide und Bauholz bereitzustellen und in den ersten Jahren weder Steuern noch Fron-dienste zu verlangen, sowie eine selbstgewählte Gemeindeführung zu gewähren.

Laut derselben Verträge war nach Ablauf der Freizeit jeder Inhaber eines Bauerngrundes ver-pflichtet, fünf rheinische Gulden Grundsteuer zu zahlen, den Neunten (oder auch den Zehnten) abzuführen, 15-16 Tage Frondienst zu leisten und die üblichen "Geschenke" (Geflügel, Eier, Butter usw. ) an großen Feiertagen abzuliefern.
Hatten die Ansiedler diese Pflichten erfüllt, so konnten sie das Gut verlassen. Die Sathmarer Schwaben waren folglich sowohl in ihrer früheren schwäbischen, böhmischen oder österreichischen Heimat sowie im damaligen Ungarn, wenn auch unter verschiedenen Bezeichnungen, bis zum Jahre 1848 keine schollenpflichtige Leibeigenen, sondern Erbuntertanen oder " Vertragsfronbauern" (auch: Vertragskleinhäusler).
Kupferstich der Festung
"Zathmar" im Jahre 1680, 1565
von Lazarus von Schwendi neu errichtet
Schon bei den ersten Dorfgründungen beklagten sich die schwäbischen Bauern darüber, dass die von den gräflichen Agenten gegebenen Versprechungen nicht eingelöst wurden. Die ange-kündigte Hilfe blieb aus und die versprochene Befreiung von herrschaftlichen Abgaben während der ersten Jahre wurde nicht befolgt, Frondienste wurden erhöht.

Diese Verhaltensweise der ungarischen Adeligen und ihrer Verwalter veranlasste viele Ansiedler zur Flucht (aus den vier ersten Siedlungen flohen 91 Familien) und zu anderen Äußerungen ihrer Unzufriedenheit.
Die Revolution von 1848 und die kaiserlichen Leibeigenschaftsaufhebungspatente der 50er Jahre die letzten. Endes von der Revolution erzwungen worden waren -befreiten auch die Sathmarer Vertragsfronbauern von den feudalen Verpflichtungen und bewirkten einen großen ökonomischen.
Aufschwung, sowie die Umstellung auf einen modernen Landwirtschaftsbetrieb. Die Hauptbeschäftigung der Sathmarer Schwaben war die Acker-bauwirtschaft, die Viehzucht sowie hauptsächlich im Südosten des Sathmarlandes der Weinbau, wo die schwäbischen Winzer auf den sonnigen Hügeln des Buchengebirges reiche Erträge erzielten und richtige Weinkellerdörfer errichteten. Der Jahrzehnte hindurch betriebenen Dreifelderwirtschaft folgte die Sechs- und Zwölffelderwirtschaft sowie Ende des 19. Jahrhunderts die Flurbereinigung, die ein rationelleres Arbeiten, den Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen und eine Überproduktion begünstigte.
Unter den sathmarschwäbischen Siedlern befanden sich nicht nur Bauern sondern auch viele Handwerker (Müller, Messerschmiede, Nagel- und Kupferschmiede, Zimmerleute, Maurer, Gold- und Silberschmiede, Haffner usw. ). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts organisierten sich beispielsweise die Stiefelmacher von Sathmar in eine Zunft und besaßen in deutscher Sprache abgefasste Statuten. /DIV>
Das sathmarschwäbische Bürgertum ist aber verhältnismäßig rasch im Madjarenturn aufgegangen.

Diese Tatsache macht sich auch bezüglich der kulturellen Leistungen der Sathmarschwaben bemerkbar.
Gleich in den ersten Jahren nach ihrer Ansiedlung errichteten die Sathmarschwaben in den von ihnen gegründeten Siedlungen bzw. in den Ortschaften, in denen sie sich neben Rumänen und Ungarn niederließen, deutsche Schulen.
Aus Konskriptionen sowie aus Urkunden über die Güter des Grafen Anton Karolyi ist ersichtlich, dass schon 1731 in Fienen, 1741 in Schinal und Großmaitingen, 1779 in Bildegg (besiedelt 1730), Sagas (1747), Schandern (1767), Merk (1772) und Terebescht (1777) Schulunterricht in deutscher Sprache erteilt wurde. Ebenfalls 1779 ließ Anton Karolyi in Großkarol eine "Nationalschule" errichten. Da zu jener Zeit in den schwäbischen Ortschaften nur deutsche Lehrer wirkten, ist anzunehmen, dass in der 1847 nach Sathmar verlegten Nationalschule auch Deutsch unterrichtet wurde.
Diese seit der Einwanderung der Schwaben ins Sathmarland günstige Entwicklung des deutschen Schulwesens, das Zeit seines Bestehens die wichtigste Einrichtung zur Pflege und Erhaltung des nationalen Bewusstseins der Sathmarschwaben war, wurde jedoch durch die
bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzende Madjarisierung
des "fremdsprachigen" Schulwesens nicht nur unterbrochen, sondern langfristig empfindlich getroffen.
Kapelle Schinal
Als 1825 die ungarische Sprache überall im öffentlichen Leben eingeführt worden war und als sich auch die katholische Kirche in den Dienst der allgemeinen Madjarisierungspolitik stellte, begann einer der traurigsten Abschnitte in der Geschichte der Sathmarer Schwaben - die "Entvolkung".
Von der allgemeinen nationalistischen Begeisterung erfasst, waren vor allem katholische Geistliche des Sathmarlandes willige Instrumente für diese staatspolitischen Ziele. Schon am 7. März 1836 ordnete Bischof Harn, betreffend die Förderung der Landessprache bei fremdsprachigen Gläubigen, seine Geistlichen an:
Von schwäbischen Siedlern
1777-erbaute Kapelle
auf den Fluren von Schinal.
" ...dass sie von nun an in der Zukunft entweder nur noch oder abwechselnd die Predigt in madjarischer Sprache halten, in den Elementarschulen aber die vorgeschriebenen Unterrichtsgegenstände in derselben Sprache vorgetragen werden ( ...) Da erfahrungsgemäß das gesteckte Ziel nicht anders zu erreichen ist, als wenn die Grundlagen der nationalen Sprache mit den Anfängen des Unterrichts eingeimpft werden, so sollen sie besonders dafür Sorge tragen, dass die Landessprache der zarten Jugend durch die betreffenden Lehrer mit den ersten Anfängen des Schulunterrichts unter Anwendung aller Kräfte beigebracht werde (. ..)."
Dass diese und weitere Verordnungen in diesem Geiste nicht ohne Wirkung blieben, ist einem Bericht über die Auswirkung der Madjarisierungsarbeit im Sathmarland aus dem Jahre 1839 (Fenyes) zu entnehmen: "Jene Ortschaften, die um Großkarol liegen, wie Fienen, Schinal, Kaplau, Wahlei, Großmaitingen, Petrifeld, Stanislau, Merk haben in der madjarischen Sprache einen ziemlichen Fortschritt gemacht ( ...) aber die "Bikaljaer" (unter dem Buchengebirge) deutschen Dörfer können sozusagen gar nicht madjarisch(...)"
Trotz dieses großen Einsatzes der katholischen Kirche ging die Verdrängung der Unterrichts-sprache in den rein schwäbischen Gemeinden nur langsam voran. Hier sprachen die Schwa-ben sowohl in der Familie als auch außerhalb dieser nur in ihrer Mundart. Allein, die Einfüh-rung der madjarischen Sprache in den Schulen war vollzogen. ..In den völkisch gemischten Städten und Dörfern, wo die Schwabenkinder die ungarische Sprache schon auf der Straße erlernten, im Elternhaus aber zumeist noch schwäbisch sprachen, musste der deutschsprachige immer mehr dem Unterricht in der "vaterländischen" Sprache weichen.
Michael Haas, ab 1858-1866 Bischof der 1804 gegründeten Diözese Sathmar, versuchte, trotz der offenen Protestdemonstrationen der weltlichen und geistlichen Nationalisten in Großkarol und Sathmar, dieser allgemeinen nationalistischen Tendenz entgegenzutreten. Seinem Wirken ist die Neuordnung der Lehrerbildung für die sathmarschwäbischen Dörfer, die Fort- und Weiterbildung der aktiven Lehrerkräfte, die Aufnahme des katholischen Gymnasiums in Sathmar (1863) in die Reihe der öffentlichen Anstalten sowie das Weiterbestehen der deutschen Volksschulen zu verdanken.
Kellerdorf in Sukunden
Um den Einheitsstaatsgedanken verwirklichen zu können, wurde nach der "Versöhnung" Ungams mit dem österreichischen Herrscherhaus (1867) und der Errichtung der Doppelmo-narchie, die ungarische Sprache in allen nichtungarischen Volksschulen zwangsweise eingeführt.
Sathmarschwäbisches
Kellerdorf in Sukunden
Folge dieser Maßnahmen war die konsequente und fortschreitende Verdrängung der deutschen Unterrichtssprache und die Überfremdung des eigenen Volkstums, die restlose Madjarisierung der deutschen Lehranstalten in einer Zeitspanne von weniger als 30 Jahren!
Durch die Begegnung mit deutschen und österreichischen Soldaten während des Ersten Weltkrieges erfuhren sathmarschwäbische Bauernsöhne, dass ihre stets verspottete schwäbi-sche Mundart zu einer "Weltsprache" gehörte; ihre Liebe zum eigenen Volkstum und zu ihrer Sprache wurde geweckt. Darüber hinaus hatte die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien, am 1. Dezember 1918, auf die Lage der Sathmarschwaben positive Auswirkungen.
Im Gegensatz zum ungarischen Staat, der die völlige Madjarisierung und Assimilierung des Sathmarer Deutschtums angestrebt hatte, war die neue rumänische Staatsführung am Erstarken der deutschen Bevölkerungsgruppen in diesem Grenzgebiet besonders interessiert und begann, sie kulturpolitisch zu unterstützen.
Konkret wäre hier zu bemerken, dass die rumänische staatliche Schulbehörde bereits 1920 die Einführung der deutschen Unterrichts-sprache an 15 konfessionellen Schulen in sathmarschwäbischen Ortschaften gefordert und aktiv unterstützt hatte, obwohl sich der katholische Klerus - u. a. unter Berufung auf das 1868 erlassene ungarische Volksschulgesetz - und die sich dem Ungartum verschriebenen sathmarschwäbischen Intellektuellen mit allen Mitteln dieser Entwicklung widersetzten und sie im Keime zu ersticken versuchten. 1928 gab es bereits in 15 sathmarschwäbischen Gemeinden deutsche Schulen. Anschließend an die erste sathmardeutsche Lehrertagung wurde in Großkarol am 10. Januar 1926, mit Unterstützung der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die "Deutsch-Schwäbische Volksgemeinschaft Sathmar" gegründet.
Diese für die Lösung nationaler Probleme der Sathmarschwaben überaus wichtige Organisa-tion war bald in mehreren schwäbischen Gemeinden vertreten und es gelang nach und nach, den immer noch vorhandenen Assimilierungsbestrebungen erfolgreich entgegenzuwirken. 1933 wurde bereits in fünfundzwanzig schwäbischen Gemeinden Schulunterricht in deutscher Sprache erteilt. Im Schuljahr 39/40 wirkten schon 57 deutsche Lehrer an 32 Schulen und unterrichteten 2925 Schüler in der Muttersprache, sathmarschwäbische Jugendliche besuchten weiterführende deutsche Hochschulen in Temeschburg und Hermannstadt.
Kathedrale in Sathamr
Doch auch diese erfreuliche kulturelle Entwicklung wurde jäh unterbrochen, als Nord- und Westsiebenbügen, die Maramuresch, das Sathmar- und Kreischgebiet durch den Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 erneut Ungarn angegliedert worden sind.
Obwohl sich die ungarischen Regierungsvertreter in Wien verpflichtet hatten, das Volkstums-recht der Minderheiten zu wahren, trafen die amtlichen Stellen, wie vor 1918, sogleich Maß-nahmen zur Fortsetzung der Madjarisierung der deutschen Bevölkerung dieses Gebietes. Das Ergebnis dieser erneuten Entvolkungstendenz wurde schon im Schuljahr 42/43 deutlich: Die Zahl der schwäbischen Ortschatten mit deutschen Schulen ging auf fünfzehn zurück, in mehreren Ortschaften wurden die deutschen Schulen geschlossen und 1291 Kinder gezwungen, den ungarischen Unterricht zu besuchen.
Die römisch-katholische
Kathedrale in Sathamr
(18.-19.Jh.)
Einen weiteren schmerzhaften Einschnitt in der Geschichte der Sathmarer Schwaben verursachte der 2. Weltkrieg. Im September/Oktober 1944 verließen, teils unter dem Druck des deutschen Militärs, über 3000 Sathmarschwaben, darunter 9/l0 der deutschbewussten Intelligenz, im Zuge der Evakuierungsmaßnahmen ihre Heimat und ließen sich hauptsächlich in Süddeutschland, Österreich und den Vereinigten Staaten nieder.
Die Mehrheit der Sathmarschwaben und der Deutschen aus Nordsiebenbürgen blieb jedoch ihrer angestammten Heimat - dem Sathmarland - treu. Von ihnen, den Zurückgebliebenen, wurden in den ersten Januartagen 1945 etwa 5000 Männer zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 35 Jahren von Gendarmerie- und Militäreinheiten sowie deren Helfern - mit Einwilligung der damaligen rumänischen Regierung - ausgehoben und zu Aufbauarbeiten in die Sowjetunion deportiert.
Die ethnische und minderheitenrechtliche Lage der Deutschen in Rumänien verschlechterte sich nach 1944 wesentlich, doch war sie günstiger als in anderen Ländern jenseits des "Eisernen Vorhanges". Sie wurden nicht vertrieben. An dieser Stelle sei aber unterstrichen, dass die Lage der Sathmardeutschen so vor wie auch nach dem 2. Weltkrieg keinesfalls mit jener der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben zu vergleichen ist.
Während die Letzteren eine wichtige Voraussetzung nationaler Identität - den muttersprachlichen Unter-richt - erhalten konnten, über eine eigene Presse und ein eigenes Theater sowie über eine identitätsbewusste Kirche verfügten, fehlten diese Voraussetzungen bei den Sathmarschwaben und Deutschen in Nordsiebenbürgen gänzlich. Die Sathmardeutschen, deren "Entvolkung" bereits seit Jahrzehnten - auch in den Kriegsjahren, als es zu Ungarn gehörte -gnadenlos betrieben worden ist, waren nun wieder schutzlos "der Hasspropaganda" ausgesetzt.
Die Diskriminierung der daheimgebliebenen Schwaben seitens chauvinistisch eingestellter und sich in führenden Positionen befindender madjarisch gesinnter Vertreter der Proletarier-diktatur, sowie der katholischen Kirche wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent fortgesetzt, obwohl das Sathmarland wieder Rumänien angeschlossen worden war. Deutsch-sprachige kulturelle Arbeit wurde verhindert, deutsche Schulen wurden geschlossen, die deutsche Sprache wurde aus den wenigen Kirchen, in denen noch deutschsprachige Gottes-dienste abgehalten worden sind, verbannt.
Siedlerhaus in Großmaitingen
Das Benützen der deutschen Sprache wurde als Provokation interpretiert, die Sathmardeutschen wurden als "Hitleristen" verfolgt, für den Zweiten Weltkrieg und die schlechte wirtschaftliche Lage verantwortlich gemacht.
Siedlerhaus
in Großmaitingen
Aufgrund des Dekrets Nr. 187/1945 der "demokratisch-revolutionären Regierung" Rumäniens wurden Grundvermögen und Immobilien vieler Sathmardeutscher enteignet, Abgabequoten landwirtschaftlicher Produkte und die Steuern wurden rücksichtslos und spürbar erhöht, was zu einer großen Belastung vor allem der reicheren Bauern - die dadurch gezielt unter Druck gesetzt worden sind - führte.
Konnten diese "Klassenfeinde" und "Ausbeuter" den hohen Steuern und Abgabeforderungen sowie Dienstleistungen für den Staat nicht nachkommen, so mussten sie mit Geld- oder Ge-fängnisstrafe, mit der Verstaatlichung ihres Grund und Bodens oder sogar mit der Zwangs-umsiedlung rechnen.
1948 wurden dann auch die Handwerks- und Industriebetriebe enteignet und kamen "in den Besitz des arbeitenden Volkes". Die Kollektivierung (Verstaatlichung) der Landwirtschaft, die im Sathmarland Mitte der 50er Jahre einsetzte, führte zu einer Landflucht großen Ausmaßes sowie zur Zerstörung bestehender Dorfgemeinschaften.

Flucht, die Verschleppung nach Russland derer, die einen deutschen Namen trugen, Zwang-sevakuierung und die staatlich gelenkte Ansiedlung von Nichtdeutschen in und um schwäbi-sche Ortschaften, haben wesentlich zur Dezimierung der Sathmardeutschen sowie zur Erschütterung ihrer Familien und ihres geschichtlich gewachsenen Gemeinwesens beigetragen.
Im Schulwesen bahnte sich eine neue Entwicklung erst nach der Unterrichtsreform vom 3. August '48 an. Wenn auch mit vielen Schwierigkeiten verbunden, konnten nach und nach wieder deutschsprachige Kindergärten und Schulen bzw. .Abteilungen mitdeutscher Unter-richtssprache eröffnet werden, deren Funktionieren aber auch in den letzten Jahrzehnten mit allen möglichen Mitteln und Begründungen verhindert worden war .Die Einführung deutscher Gottesdienste war weiterhin ein Tabu und wurde verhindert bzw. abgelehnt.
Die Bimmelbahn Oberwischau
Die Neubesinnung der Sathmarschwaben auf ihre Identität sowie ihre rege deutsche schuli-sche und kulturelle Arbeit im Sathmarland ab Mitte 1960 - als sie ihre Furcht und Resignation abstreiften und auch die rumänische Minderheitenpolitik enge Freiräume zuließ -, ist auf die aufopferungsvolle und selbstlose Arbeit jener sathmarschwäbischen Lehrer zurückzuführen, die ab 1958 in Temeschburg bzw. 1969 in Hermannstadt studierten, vor allem aber auf die vielen Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die ab Ende der 50er Jahre im Sathmar-land,
Die Bimmelbahn
im malerischen Wassertal
bei Oberwischau
in Oberwischau und Neustadt als Lehrer wirkten, sich der ständigen Diskriminierung der Sathmardeutschen z. T. erfolgreich widersetzten und die das kulturelle Leben der Sathmarer Schwaben aufleben ließen, welches um 1970 seinen Höhepunkt erreichte.
In der deutsch-sprachigen Presse Rumäniens wurde nun wieder häufiger über die Sathmarschwaben und die Deutschen von Oberwischau berichtet. Die betont nationalistisch ausgerichtete Nationalitätenpolitik des Ceaucescu-Regimes - das ab 1965-1971 Zugeständnisse, die dann wieder aufgehoben wurden, vortäuschte - eröffnete durch die 1971 und 1974 in Kraft getretenen schwerwiegenden Einschränkungen im Schul- und Pressewesen das Tor zu einem verstärkten Assimilierungsprozess, der dem Fortbestand der Identität und Kultur der Deutschen in Rumänien jegliche Zukunftschancen nahm. Aus diesem Grunde, wie auch wegen der Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen sowie aufgrund der zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland 1978 getroffenen Vereinbarung betreffs Familienzusammenführung, setzte um 1980 eine zuneh-mende Rückwanderung der Sathmarer Schwaben und Deutschen aus Nordsiebenbürgen nach Deutschland ein, die sich nach dem Sturz des Ceaucescu-Regimes - wegen fehlender kultu-reller und sozialwirtschaftlicher Rahmenbedingungen - 1989 verstärkte und zu einer weiteren schmerzhaften Dezimierung der Sathmardeutschen geführt hat.
Im Sathmargebiet, in dem die Erhebungen über die Bevölkerungszahlen meist einen zu Ungunsten der deutschen Bevölkerung tendenziösen Charakter aufwiesen, war und ist die Zahl der Einwohner römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses fast identisch mit der Zahl der Sathmarschwaben.
Diesbezügliche Abweichungen, die auf bevölkerungs- und sozialpo-litische Aspekte zurückzuführen sind, berücksichtigend, kann aufgrund des Quellenmaterials sowie bisheriger Forschungen gesagt werden, dass in diesen Jahren im Sathmarland etwa 35000 bzw. 38000 Sathmarschwaben lebten. Hinzu kommen weitere 4000 Schwaben der 1919 bei Ungarn verbliebenen Gemeinden sowie etwa 8000 Deutsche der Kreise Maramu-resch, Bihor und Salasch. Somit lebten im Siedlungsgebiet der Sathmarer Schwaben ca. 50000 Deutsche bzw.Deutschstämmige.
Von den etwa 40000 Schwaben nahmen bis 1925 zwar gut ein Viertel die ungarische Sprache an, dennoch fühlten sie, mit wenigen Ausnahmen, deutsch. Die Wachstumsrate der Bevöl-kerung, die Aus- und Abwanderungen, Flucht und Evakuierung berücksichtigend, kann heute von etwa 35000 im Sathmarland und Nordsiebenbürgen lebenden Deutschen ausgegangen werden. Von ihnen haben sich bei den Volkszählungen von 1977 nur 11429, 1992 - trotz Auswanderung ab 1978 bis z.Z. von etwa 8000 Deutschen - bereits 19490 offen zum Deutschtum bekannt!
Sathmarschwäbische Tanzgruppe, 1987, Kreisverband Ravensburg
Die Tatsache, dass sich im Kreis Sathmar in den letzten fünfzehn Jahren die Zahl der Personen, die sich als Deutsche oder als Schwaben bezeichnen, mehr als verdoppelt hat (1977: 6395; 1992: 14259), kann nur damit erklärt werden, dass sich neuerdings viele der nicht erst 1940-44 (Zugehörigkeit des Sathmarlandes zu Ungarn) stark madjarisierten Sathmarer Schwaben nicht nur auf ihre Abstammung besonnen haben, sondern sich nun auch offen dazu bekannten bzw. bekennen durften.
Sathmarschwäbische
Tanzgruppe, 1987,
Kreisverband Ravensburg
Die deutsche Bevölkerung des Sathmarlandes, der Kreise Maramuresch, Bihor und Salasch wird seit der Konstituierung des Demokratischen Forums der Sathmarer Schwaben und Nord-siebenbürger Deutschen im öffentlichen Leben von diesem Forum vertreten.
Bei der Bewältigung seiner Aufgaben wird es von der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben in Deutschland sowie dem Hilfswerk der Sathmarer Schwaben inhaltlich wie materiell unterstützt. Beträchtliche Hilfen zur Selbsthilfe der Bundesregierung im sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich sollen das Verbleiben im Sathmarland erleichtern.
Während in den südöstlich des Sathmarlandes gelegenen schwäbischen Dörfern, bedingt durch die Auswanderungen ab 1978, nur noch vereinzelt Schwaben leben, gibt es um Großka- rol, trotz Auswanderungen, noch relativ große geschlossene Ortschaften mit schwäbischer Bevölkerung. Ein allgemeiner Aufschwung in diesen Dörfern ist nicht zu übersehen, obwohl die Aussiedlung vieler Jugendlicher in die Bundesrepublik Deutschland negative Auswirkungen hat.
Konnten 1989 im Sathmarland und Nordsiebenbürgen nur noch etwa 300 Kinder eine deutschsprachige schulische Einrichtung besuchen, so sind im Oktober 1993 bereits 961 Schul- und 1068 Kindergartenkinder zu verzeichnen, die am Unterricht deutschsprachiger Abteilungen in den Kreisen Sathmar, Maramuresch, Bihor und Salasch teilnehmen.
Akuter Mangel an Lehrkräften, Schulbüchern und an Schulräumen sowie eine engstirnige Schulpoli-tik werden den Ausbau bestehender und die Gründung dringend notwendiger weiterführender Schulen mit deutschsprachigem Unterricht wohl für längere Zeit stark beeinträchtigen, wenn nicht gar unmöglich machen. Dabei sind es gerade die deutschsprachigen Schulen und Gottes-dienste, die die Sathmarer Schwaben in dieser Umbruchsphase zur Pflege und Bewahrung ihrer Identität mehr denn je brauchen.
Die Bewahrung ihrer deutschen Identität hängt vor allem von der Umsetzung der in der rumänischen Verfassung garantierten Minderheitenrechte, einem für alle akzeptablen und korrekt angewandten künftigen Minderheitenschutzgesetz, weiteren Stabilisierungsmaßnah-men der Bundesregierung vor allem im Schulwesen, im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich sowie nicht zuletzt von den Sathmarer Schwaben selbst ab.
Ihrem Schicksal der Diskriminierung, Flucht, Verschleppung, Vertreibung oder der Dezi-mierung auch durch Aussiedlung setzten die Sathmarer Schwaben und Deutschen aus Nord- siebenbürgen stets ihren Fleiß, ihren Aufbauwillen und nicht zuletzt ihren Glauben an Gott sowie ihre Zuversicht entgegen. Und dies lässt auch für die Zukunft hoffen!

Helmut Berner